Es war einer jener vergessenen Orte, an die das Tageslicht nur selten gelangt und an denen menschliche Wärme beinahe nie spürbar wird, weil die Menschen daran vorbeigehen, ohne stehen zu bleiben, ohne sich umzudrehen und ohne auch nur zu ahnen, dass in dieser dichten Stille noch immer ein Leben existieren kann, getragen nicht von körperlicher Kraft, sondern von etwas weitaus Beharrlicherem und Tieferem.
Sie befand sich dort schon so lange, dass die Zeit aufgehört hatte, sich wie eine Abfolge von Tagen und Nächten anzufühlen, und sich stattdessen in ein zähes, gleichförmiges Warten verwandelte, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinanderflossen und die Zukunft nur noch als feines, aber unbeugsames inneres Empfinden existierte.
Ihr Körper war geschwächt, der Atem geriet gelegentlich aus dem Takt, und jede Bewegung erforderte Anstrengung, doch sie veränderte ihre Haltung kaum, als hätte sie instinktiv verstanden, dass jede unnötige Bewegung ihr das Wenige nehmen könnte, was ihr noch erlaubte, dort zu bleiben und den Blick auf den Eingang gerichtet zu halten.
Sie hielt durch nicht aus Hoffnung auf eine zufällige Rettung und nicht aus der Erwartung äußerer Hilfe, sondern weil in ihrem Inneren eine Gewissheit lebte, die es ihr nicht erlaubte, das Leben loszulassen, bevor der richtige Moment gekommen war.
Sie wartete.
Sie wartete nicht auf Wärme, nicht auf Nahrung und nicht auf Erleichterung, sondern auf denjenigen, der einst bei ihr gewesen war und so plötzlich verschwunden war, dass die Welt um sie herum ihre vertrauten Konturen verloren hatte und nur Unruhe und Leere zurückblieben.
Sie wusste, dass er irgendwo da draußen war, verloren und verwirrt, ohne zu verstehen, warum das Gefühl von Nähe und Sicherheit plötzlich verschwunden war, und dieser Gedanke durchdrang sie vollständig und zwang sie zum Durchhalten, selbst dann, wenn ihre Kräfte an ihre Grenzen gelangten.
Manchmal drangen von draußen Schritte und gedämpfte Stimmen zu ihr, die vorbeigingen, ohne langsamer zu werden oder in die Dunkelheit zu blicken, weil niemand erwartete, dort ein Wesen zu finden, das allein durch das Warten weiterlebte.
In ihr formten sich keine Worte, doch das Gefühl war klar und schwer, denn wenn sie genau jetzt aufgeben würde, könnte derjenige, auf den sie wartete, sie vielleicht niemals finden, und dieser Gedanke war stärker als Müdigkeit, Schwäche und Kälte.
Die Zeit zog sich quälend langsam dahin und verwandelte sich in einen endlosen Zustand des Wartens, in dem jeder Augenblick nur existierte, um zum nächsten zu führen, während die Hoffnung zu einem dünnen, aber unzerreißbaren Faden wurde, an dem sie festhielt.
Und irgendwann veränderte sich der Raum um sie herum fast unmerklich, weil die Schritte, die zu hören waren, anders klangen, vorsichtiger und aufmerksamer, als hätte sich jemand nach langer Zeit erstmals dazu entschlossen, nicht einfach vorbeizugehen, sondern in die Stille hineinzuhören.
Langsam hob sie den Kopf, sammelte die letzten Kräfte, um jene zu sehen, die stehen geblieben waren, und in ihrem Blick lag weder Angst noch Misstrauen, sondern nur eine stumme Frage, die man nicht übersehen konnte.
„Wirst du auch gehen wie alle anderen oder wirst du bleiben.“
Die Menschen wandten sich nicht ab und beschleunigten ihren Schritt nicht, weil sie nicht nur einen Schatten im Halbdunkel sahen, sondern ein lebendiges Wesen, das trotz Einsamkeit und Erschöpfung weiter am Leben festhielt.
— Ganz ruhig, alles ist gut, wir sind da — erklang es leise und behutsam, als könnte jedes unbedachte Wort diesen Moment zerstören.
Sie versuchte nicht näherzukommen und wich auch nicht zurück, sondern sah weiter hin, als wolle sie prüfen, ob dem, was geschah, zu trauen war oder ob es ebenso plötzlich verschwinden würde wie alles andere zuvor.
Als man sie vorsichtig berührte, zuckte sie nicht zurück, weil in dieser Berührung kein Druck, keine Hast und kein Mitleid lagen, sondern lediglich Wärme, die sie an das erinnerte, was sie so lange in sich getragen hatte.
In diesem Augenblick begann die innere Anspannung langsam nachzulassen, wie ein Knoten, der viel zu lange festgezogen gewesen war, denn das Warten hatte aufgehört, leer zu sein, und hatte eine greifbare Bedeutung angenommen.
Man brachte sie an einen Ort, an dem es keine kalten Wände und keine erdrückende Stille gab, an dem die Luft sanfter war und das Licht nicht schmerzte, und an dem sie einfach liegen konnte, ohne jedem Geräusch zu lauschen aus der Angst heraus, es könnte das letzte sein.
Man gab ihr Zeit und die Möglichkeit, wieder zu Kräften zu kommen, doch selbst in der Wärme und Fürsorge kehrte ihr Blick immer wieder zur Tür zurück, weil das Warten noch nicht beendet war.
— Sie schaut die ganze Zeit dorthin — sagte jemand leise.
— Sie wartet auf jemanden — antwortete ein anderer ebenso leise, im Bewusstsein dessen, was nicht ausgesprochen werden musste.
Die Suche begann sofort, nicht als formale Pflicht, sondern als Fortsetzung ihrer stummen Bitte, denn es war offensichtlich, dass sich irgendwo in der Nähe derjenige befand, für den sie all die Zeit durchgehalten hatte.
Er wurde nicht sofort gefunden, doch er war am Leben, verloren und verängstigt, ohne zu begreifen, warum die vertraute Welt plötzlich so groß und leer geworden war.
Ihre Begegnung verlief ohne Hast und ohne hektische Bewegungen, denn in diesem Moment schien alles um sie herum kurz innezuhalten, um zwei Wesen, die durch Umstände getrennt worden waren, wieder zusammenzuführen.
Als sie den Kopf hob und ihn sah, erlaubte sie sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, vollkommen loszulassen, weil das Warten endlich ein Ende gefunden hatte.
„Du bist hier und es geht dir gut, also war alles Warten nicht umsonst.“
Er schmiegte sich an sie, erkannte die Wärme und das Gefühl von Sicherheit, das durch nichts zu ersetzen ist.
Von diesem Augenblick an veränderte sich ihr Weg, weil ein Sinn und die Gewissheit entstanden, dass vor ihnen nicht nur weiteres Warten lag, sondern auch Leben.
Heute sind sie zusammen, sie haben einen Ort, an dem niemand gleichgültig vorbeigeht, sie haben Hände, die nicht verschwinden, und eine Stille, in der keine Angst mehr existiert.
Sie blickt nicht mehr unruhig zur Tür, weil sie weiß, dass sie nicht noch einmal allein zurückgelassen wird, und manchmal liegt sie einfach da und spürt den Atem dessen neben sich, für den sie weitergewartet hatte, als die Hoffnung beinahe unsichtbar geworden war.
Diese Geschichte handelt nicht vom Leiden um des Leidens willen und nicht von einer zufälligen Rettung, sondern von einer Liebe, die das Leben selbst an den vergessenen Orten aufrechterhalten kann, an denen scheinbar nichts geblieben ist außer Stille.
Es ist eine Geschichte darüber, wie ein einziger angehaltener Schritt das Schicksal zweier Leben verändern und Sinn dorthin zurückbringen kann, wo er fast verloren gegangen war.







