Dieser Ort hatte keinen Namen, weil ihn niemand benannte, niemand erwähnte und niemand auf Karten verzeichnete, und selbst wenn jemand versucht hätte zu erklären, wo genau er lag, wären ihm vermutlich die Worte ausgegangen, denn Licht fand nur selten dorthin, und menschliche Aufmerksamkeit fast nie, und diejenigen, die in seiner Nähe vorbeigingen, taten es hastig, ohne den Schritt zu verlangsamen oder den Gedanken zuzulassen, dass in dieser dichten Stille noch immer ein Leben fortbestehen könnte.
Sie war so lange dort gewesen, dass sie den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht mehr spürte, weil die Zeit ihren gewohnten Rhythmus verloren hatte und sich in ein schweres, zähes Warten verwandelt hatte, in dem die Vergangenheit nicht mehr so schmerzhaft war wie früher und die Zukunft keine klaren Konturen besaß, sondern nur als feines, kaum wahrnehmbares inneres Gefühl existierte, das sie daran hinderte, endgültig aufzugeben.
Ihr Körper war geschwächt, jede Bewegung verlangte Anstrengung, und ihr Atem wurde manchmal flach und unregelmäßig, doch sie änderte ihre Position kaum, als würde sie instinktiv wissen, dass jede unnötige Bewegung ihr das Wenige nehmen könnte, das sie noch hier hielt, und so blieb sie einfach, den Blick ununterbrochen auf den Eingang gerichtet, als befände sich genau dort alles, wofür es sich zu warten lohnte.
Sie hielt nicht aus naiver Hoffnung auf eine zufällige Rettung durch, und auch nicht, weil sie auf Mitleid wartete, denn ihr Warten war von anderer Art, tiefer und schwerer, weil in ihr die Gewissheit lebte, dass derjenige, auf den sie wartete, sie vielleicht nie finden würde, wenn sie jetzt ging.
Sie wartete.
Sie wartete nicht auf Wärme, nicht auf Erleichterung und nicht auf das Ende der Einsamkeit, sondern auf den, der einst so selbstverständlich an ihrer Seite gewesen war, dass seine Anwesenheit wie ein Teil des Lebens selbst erschien, und dessen Verschwinden so plötzlich gekommen war, dass die Welt um sie herum ihren Halt verloren hatte und nur Unruhe, Leere und die Notwendigkeit weiterzuwarten zurückließ.
Sie wusste, dass er irgendwo da draußen existierte, verloren und verwirrt, ohne zu verstehen, warum das vertraute Gefühl von Nähe plötzlich verschwunden war, und dieser Gedanke durchdrang sie vollkommen, ließ sie den Kopf nicht senken und den Blick nicht vom Eingang abwenden, weil sie sich sicher war, dass dort eines Tages die bekannte Silhouette erscheinen würde.
Manchmal drangen Schritte von draußen herein, gedämpfte Stimmen und hastige Bewegungen, die vorübergingen, ohne langsamer zu werden oder in die Dunkelheit zu schauen, denn niemand rechnete damit, dort jemanden zu entdecken, der nur durch das Warten weiterlebte, und jeder dieser Klänge ließ eine noch dichtere Stille zurück.
In ihr formten sich keine Worte, doch das Gefühl war klar und schwer, denn wenn sie jetzt ging, könnte er ein wenig später kommen und sie nicht mehr finden, und dieser Gedanke war stärker als die Müdigkeit, stärker als die Schwäche und stärker als die Kälte, die sich langsam in die Wände zog.
Die Zeit verging quälend langsam und wurde zu einem ununterbrochenen Zustand des Wartens, in dem jeder Moment nur existierte, um zum nächsten zu führen, und die Hoffnung zu einem dünnen Faden wurde, an dem sie sich selbst dann festhielt, wenn er beinahe zu verschwinden schien.
Und irgendwann veränderte sich die Umgebung fast unmerklich, denn die Schritte, die nun zu hören waren, klangen anders, vorsichtiger und aufmerksamer, als hätte sich jemand nach langer Zeit entschieden, nicht einfach vorbeizugehen, sondern der Stille zuzuhören.
Langsam hob sie den Kopf und sammelte ihre letzten Kräfte, um die zu sehen, die stehen geblieben waren, und in ihrem Blick lag weder Angst noch Misstrauen, sondern nur eine stumme Frage, die man unmöglich übersehen konnte.
— Wirst du auch gehen wie die anderen, oder bleibst du.
Die Menschen wandten sich nicht ab und beschleunigten ihren Schritt nicht, denn sie sahen keinen Schatten und keine zufällige Gestalt, sondern ein lebendiges Wesen, das nicht aus Trotz am Leben festhielt, sondern aus Liebe und Erwartung.
— Alles ist gut, wir sind da, — klang es leise, ohne Hast und ohne Schärfe, als könnte jedes unbedachte Wort diesen Moment zerstören.
Sie versuchte weder näherzukommen noch sich zurückzuziehen, sondern blieb einfach stehen und blickte weiter, als würde sie prüfen, ob das, was geschah, nicht ebenso plötzlich verschwinden würde wie alles andere, an das sie sich einst gewöhnt hatte.
Als man sie behutsam berührte, zog sie sich nicht zurück, denn in dieser Berührung lag kein Druck, keine Ungeduld und kein Mitleid, sondern nur eine Wärme, die sie an das erinnerte, was sie so lange in sich bewahrt hatte.
In diesem Moment begann die innere Anspannung langsam nachzulassen, wie ein Knoten, der viel zu lange festgezogen gewesen war, denn das Warten war nicht länger leer, sondern hatte endlich eine Fortsetzung gefunden.
Man brachte sie an einen Ort ohne kalte Wände und erdrückende Stille, wo die Luft weicher war, das Licht nicht schmerzte und man einfach liegen konnte, ohne bei jedem Geräusch zu fürchten, es könnte das letzte sein.
Man gab ihr Zeit, Raum und die Möglichkeit, wieder zu Kräften zu kommen, doch selbst in Wärme und Fürsorge wanderte ihr Blick immer wieder zur Tür, denn das Warten war noch nicht vorbei.
— Sie schaut die ganze Zeit dorthin, — sagte jemand leise.
— Sie wartet, — antwortete man ebenso ruhig, ohne weitere Erklärungen zu brauchen.
Die Suche begann sofort, nicht aus Pflichtgefühl oder als formale Aufgabe, sondern als Antwort auf ihre stumme Bitte, denn es war offensichtlich, dass sich irgendwo in der Nähe derjenige befand, für den sie so lange stärker gewesen war als die Umstände.
Man fand ihn nicht sofort, denn Angst und Verlorenheit wissen sich gut zu verbergen, doch er lebte, war verwirrt und verstand nicht, warum die vertraute Welt plötzlich so groß und leer geworden war.
Ihre Begegnung verlief ohne laute Worte und hastige Bewegungen, denn in diesem Moment schien alles um sie herum stillzustehen, um zwei Wesen, die durch Umstände getrennt worden waren, wieder zusammenzuführen.
Sie hob den Kopf, sah ihn und erlaubte sich zum ersten Mal seit langer Zeit, vollkommen loszulassen, denn das Warten hatte endlich ein Ende gefunden.
— Du bist hier, — war kaum hörbar in der Stille.
Er schmiegte sich an sie, erkannte die vertraute Wärme und das Gefühl von Sicherheit, das durch nichts zu ersetzen ist.
Von diesem Moment an veränderte sich ihr Weg, denn er bekam Sinn und die Gewissheit, dass es nun nicht mehr nur um Warten ging, sondern um ein Leben, in dem man den Blick nicht mehr voller Angst zur Tür richten musste.
Heute sind sie zusammen, sie haben einen Ort, an dem niemand gleichgültig vorbeigeht, es gibt Hände, die nicht verschwinden, und eine Stille, in der keine Angst mehr lebt.
Sie lauscht nicht mehr jedem Geräusch, weil sie weiß, dass derjenige, für den sie selbst dann gewartet hat, als die Hoffnung fast schwerelos war, nun an ihrer Seite ist.
Dies ist keine Geschichte über zufällige Rettung oder Schmerz um des Schmerzes willen, sondern über eine Liebe, die selbst in den vergessensten Orten das Leben tragen kann, wo man glaubt, dass nur noch Stille bleibt.
Und darüber, wie ein einziger angehaltener Schritt zwei Schicksalen zugleich Sinn und Zukunft zurückgeben kann.







