An jenem Tag schien die Stadt ihren Namen verloren zu haben und hörte auf, ein Ort zu sein, an dem man einfach lebt, sondern verwandelte sich in einen Raum aus Anspannung, Hast und einem stillen, allgegenwärtigen Druck, der so dicht in der Luft lag, dass jeder Atemzug schwerer fiel als sonst. Gedanken verhedderten sich ebenso wie Hände, die nervös nach dem griffen, was als wichtig erschien, obwohl längst niemand mehr wusste, was in diesem Moment überhaupt noch wirklich wichtig war. Wir packten nicht im üblichen Sinn, wir rissen Dinge an uns, ließen sie fallen, hoben sie wieder auf, verloren sie erneut, weil die Zeit nicht mehr normal floss, sondern uns vorwärts stieß, uns keine Sekunde zum Innehalten ließ und jedes Zögern wie ein Risiko erschien, dessen Preis zu hoch sein konnte.
Er war da, wie immer, so selbstverständlich Teil unseres Alltags, dass wir seine Nähe früher kaum bewusst wahrgenommen hatten, so wie man den Hof vor dem Haus nicht bemerkt oder das alte Tor, das schon immer dort stand, oder den Schatten des Gebäudes an einem warmen Nachmittag. Er beobachtete uns ruhig und aufmerksam, ohne Unruhe, ohne sich aufzudrängen, als hätte er gespürt, dass es jetzt besser war, still zu sein, einfach da zu sein und zu warten, weil Warten manchmal die einzige Form von Treue ist, die einem bleibt.
Wir sagten einander, dass alles nur vorübergehend sei, dass wir einen Ausweg finden würden, dass wir bald zurückkämen, und in diesen Worten lag mehr Angst als Überzeugung, weil wir tief im Inneren bereits fühlten, dass etwas Grundlegendes zerbrochen war und niemand sagen konnte, wie lange dieses Zerbrechen noch nachhallen würde. Ich merkte, wie ich seinem Blick auswich, denn in seinen Augen lag zu viel Verständnis, zu viel stilles Einverständnis mit dem, was geschah, und genau das tat mehr weh als jedes laute Chaos.
— Wir kommen zurück, sagte ich und erkannte meine eigene Stimme kaum wieder, so fremd und gedämpft klang sie.
— Warte auf uns, bitte.
Er setzte sich näher an die Wand, an den Platz, an dem er sich sonst vor dem Wind schützte, und in dieser Bewegung lag weder Trotz noch Unterwerfung, sondern nur eine leise Bereitschaft zu bleiben, dort zu bleiben, wo man ihn ließ, als hätte er beschlossen, Teil dieses Ortes zu werden, mit ihm zu verschmelzen, damit man ihn nicht einfach herausreißen konnte. Diese Stille war das Schwerste, denn sie enthielt keinen Vorwurf, keine Klage, nur ein Warten, das sich mit keinen Worten rechtfertigen ließ.
Als uns die Menge forttrug, als der Weg plötzlich zu schmal wurde für all jene, die ihn gleichzeitig gehen mussten, drehte ich mich nur ein einziges Mal um und sah ihn genau dort sitzen, wo er schon unzählige Male zuvor gesessen hatte, als hätte sich nichts verändert, als wäre es ein gewöhnlicher Tag und wir nur kurz weggegangen, ohne etwas zu sagen.
Seitdem verlor die Zeit ihre Ordnung. Tage folgten nicht mehr logisch aufeinander, sie überlagerten sich, verschwammen und wurden zu einem einzigen langen Zustand des Wartens ohne klare Grenzen, in dem neue Orte kein Zuhause wurden und fremde Wände keine Sicherheit gaben. Die Menschen um mich herum trugen ihre eigenen Verluste in sich, jede Geschichte war schwer, und darüber zu sprechen schien fast unmöglich. Inmitten all dieser provisorischen Dächer und zufälligen Adressen blieb er bei mir, in Gedanken, in Erinnerungen, in Träumen und in der Stille, die sich nachts ausbreitete.
Manchmal hatte ich das Gefühl, seinen Atem zu hören, nicht mit den Ohren, sondern mit etwas Tieferem, etwas, das sich nicht abschalten oder verdrängen ließ. In solchen Momenten sprach ich leise vor mich hin, ohne darüber nachzudenken, ob mich jemand hören könnte.
— Ich komme zurück, sagte ich in den leeren Raum.
— Ich werde dich finden, warte nur.
Die Menschen versuchten, mich zu trösten, sagten die Sätze, die man sagt, wenn man helfen möchte, aber nicht weiß wie.
— Du musst loslassen, meinte einmal jemand und sah dabei zur Seite. — Dort ist so vieles geblieben, was man nicht mitnehmen konnte.
Ich nickte, weil mir die Kraft fehlte zu widersprechen, doch innerlich zog sich alles zusammen, denn er war kein „Ding“ und kein Teil von „allem“, er war jemand Konkretes, Lebendiges, der jeden Tag an der Tür wartete, der Stimmungen ohne Worte verstand, der da war, wenn die Welt sich zu kalt anfühlte. Loslassen hätte bedeutet, einzugestehen, dass das Versprechen leer gewesen war, und dazu war ich nicht bereit.
Die Zeit verging, und die Hoffnung wurde immer zerbrechlicher, fast unsichtbar, und doch war sie es, die mich davon abhielt, endgültig aufzugeben. Ich hielt mich an ihr fest wie an einem dünnen Faden, wissend, dass ich, wenn ich ihn losließe, nicht nur ihn verlieren würde, sondern auch einen Teil von mir selbst.
Eines Tages fasste ich den Mut, sein Foto einer Frau zu zeigen, die denen half, zu denen man noch zurückkehren konnte. Sie betrachtete es lange, stellte keine Fragen, als versuche sie, nicht nur das Bild zu sehen, sondern die Geschichte dahinter, und sagte dann ruhig, ohne Pathos, als wäre es eine einfache Feststellung.
— Er wartet. Solche können sehr lange warten.
Diese Worte waren kein Trost, sie waren zugleich schwer und klar, denn sie enthielten Hoffnung und Verantwortung gleichermaßen, eine Verantwortung, der man sich nicht entziehen konnte. Von diesem Moment an war das Warten nicht mehr hilflos, es bekam eine Richtung, weil irgendwo da draußen, in einer veränderten Welt, ein lebendiges Wesen blieb, das weiter glaubte.
Die Nachricht kam unerwartet, kurz und nüchtern, und doch steckte in diesen wenigen Worten mehr Leben als in all den Gesprächen der vergangenen Monate.
— Er lebt. Er ist dünn, aber er wartet.
Ich las diese Zeilen immer wieder, aus Angst, sie könnten verschwinden, sobald ich den Blick abwandte, denn sie waren der Beweis dafür, dass das Warten nicht umsonst gewesen war. „Dünn, aber er wartet“ enthielt alles, Schmerz, Hoffnung und das Versprechen, das noch immer eingelöst werden musste.
Manchmal fürchte ich den Moment der Rückkehr, weil Warten auf viele Arten enden kann und diese Ungewissheit schwerer wiegt als jede konkrete Angst, doch neben dieser Furcht lebt ein anderes Gefühl, hartnäckiger und stärker, ein Gefühl von Pflicht, das man nicht abgeben und nicht delegieren kann.
— Ich komme, sage ich mir immer wieder.
— Vielleicht langsam, vielleicht nicht sofort, aber ich komme.
Ich weiß nicht, wie viele Schritte noch vor mir liegen und wie viel Zeit vergehen wird, bis ich diesen Hof und diese Ecke wiedersehe, an der er saß, doch ich weiß, dass es irgendwo ein Warten gibt, das nicht zerbrochen ist, und einen Glauben, der trotz allem nicht verschwunden ist.
Er blieb, als alle gingen, und genau dieses Warten erwies sich als stärker als jede Zerstörung, denn dort, wo jemand wartet, existiert der Weg nach Hause noch immer, selbst wenn es scheint, als habe sich die Welt für immer verändert.







