Die Stadt hatte längst verlernt, nach links und rechts zu schauen, und irgendwo in ihr gab es eine unscheinbare Ecke, an der der Wind immer ein wenig länger verweilte, als wüsste selbst er nicht, wohin er weiterziehen sollte. Es gab dort keine Schaufenster, keine Schilder, nichts, was einen Menschen dazu brachte, langsamer zu gehen, wenn er es eilig hatte, sein geordnetes, normales Leben zu leben, in dem Wärme, Licht und ein Morgen als etwas Selbstverständliches galten.
An dieser Ecke lebte eine Frau, auch wenn das Wort „leben“ eher wie eine Erinnerung klang als wie eine Beschreibung der Wirklichkeit. Sie existierte, aufgelöst in der Gleichförmigkeit der Tage, in der Gleichgültigkeit der Passanten, im Schatten einer Vergangenheit, die sich manchmal wärmer anfühlte als jede Jacke. Niemand kannte ihren Namen, und auch sie selbst erinnerte sich immer seltener daran, weil es niemanden mehr gab, der ihn aussprach. Für die Welt war sie nur eine Gestalt auf dem Asphalt, eine Figur, an der man vorbeiging, den Schritt beschleunigte und so tat, als gäbe es nichts zu sehen.
Ihr Leben hatte sich längst auf kaum sichtbare Bedürfnisse reduziert: ein Schluck Wasser, ein wenig Essen, die Möglichkeit, eine weitere Nacht zu überstehen, ohne ganz zu verschwinden. Alles andere lag weit zurück, in einer Zeit, in der es Wände gegeben hatte, Stimmen, Morgen, die nicht mit Kälte begannen. In der Gegenwart blieb nur das Warten und diese seltsame Gewohnheit zu hoffen, selbst dann, wenn Hoffnung etwas Unangebrachtes, fast Überflüssiges zu sein schien.
An ihrer Seite war immer ein Welpe.
Er war gekommen, als alle anderen gegangen waren. Sie erinnerte sich nur verschwommen an sie, wie durch beschlagenes Glas: warme Körper, vertrauensvolle Blicke, das instinktive Näherkommen, wenn die Angst wuchs. Einer nach dem anderen war verschwunden, ohne Abschied, und hatte eine Leere hinterlassen, an die man sich nicht gewöhnen konnte, egal wie sehr man es versuchte. Jedes Mal hatte sie geglaubt, ihr Herz würde das nicht mehr ertragen, und doch schlug es weiter, hartnäckig, fast trotzig.
Der Welpe war der letzte.
Er war klein, ungewöhnlich still und erstaunlich ernst für sein Alter, als hätte er von Anfang an verstanden, dass die Welt ihm nichts versprach, was über das Nötigste hinausging. Seine Pfoten zitterten, wenn er versuchte aufzustehen, und seine Augen folgten ihr aufmerksam, als fürchte er ständig, sie aus den Augen zu verlieren. Er kannte kein anderes Zuhause als diese kalte Ecke und keine andere Stütze als die Frau, deren Hände ihn manchmal kaum halten konnten.
Wenn es besonders schwer wurde, flüsterte sie ihm Worte zu, so leise, dass sie kaum hörbar waren, Worte, die nur für sie beide bestimmt waren.
— Wir halten noch ein bisschen durch, hörst du, nur ein bisschen.
Der Welpe antwortete auf seine Weise, rückte näher, versuchte sie mit seiner kleinen Wärme zu schützen, als wollte er ihr versichern, dass sie noch zusammen waren und dass, solange das so war, noch nicht alles verloren war.
Die Stadt lebte ihr Leben weiter, ohne ihre Existenz wahrzunehmen. Menschen gingen vorbei, versunken in Gedanken, Gespräche, Bildschirme. Manchmal ließ jemand etwas Essen oder eine Flasche Wasser zurück, ohne auch nur einen Moment länger stehen zu bleiben, als hätte er Angst, einem Blick zu begegnen, der zu viel zeigte. Diese seltenen Gesten halfen zu überleben, aber sie schützten nicht vor der Einsamkeit, die sich nachts besonders schwer auf die Brust legte.
Eines Morgens spürte die Frau, dass ihre Kräfte schneller schwanden als sonst. Der Welpe bewegte sich kaum, sah sie nur an, und in diesem Blick lag so viel Vertrauen, dass es schmerzte. Sie nahm ihn in die Arme, drückte ihn an sich und ließ zum ersten Mal seit langer Zeit die Tränen frei über ihr Gesicht laufen, ohne sie vor einer Welt zu verbergen, der alles gleichgültig war.
— Geh nicht weg, bitte, — flüsterte sie und wusste selbst nicht genau, an wen sie diese Worte richtete.
An diesem Tag kam eine junge Frau vorbei. Sie war in Eile, wie alle anderen, dachte an Termine, an Erledigungen, an Zeit, die man nicht verlieren durfte. Sie wäre beinahe vorbeigegangen, wie sie es schon unzählige Male getan hatte, wäre da nicht dieses merkwürdige Gefühl gewesen, als hätte jemand ganz leicht von innen an ihrem Ärmel gezogen.
Sie blieb stehen.
Sie drehte sich um.
Was sie sah, war nicht laut, nicht schockierend, nichts, das sofortiges Handeln verlangte. Es war einfach eine Frau auf dem Boden und ein kleiner Welpe, viel zu still für diese laute Stadt. Und doch lag in dieser Stille etwas, das stärker war als jeder Lärm ringsum.
Die junge Frau kniete sich zu ihnen, zögerte einen Moment, als fürchte sie, etwas Zerbrechliches zu stören.
— Ist Ihnen kalt? — fragte sie schließlich, und ihre Stimme klang unsicher, aber ehrlich.
Die Frau hob den Blick, und darin lag Verwunderung, als wäre diese Frage etwas Unvorstellbares.
— Uns ist immer kalt, — antwortete sie ruhig, ohne Vorwurf, ohne Bitte.
Die junge Frau zog ihren Mantel aus und legte ihn behutsam über beide, als könne diese einfache Geste sie vor allem schützen, was in den vergangenen Monaten auf ihnen gelastet hatte. Sie dachte nicht nach, suchte keine richtigen Worte, sie tat einfach, was ihr Herz ihr sagte.
— Wir fahren jetzt, — sagte sie fest, obwohl sie selbst noch nicht wusste, wohin. — Es wird anders werden.
Diese Worte klangen wie ein Versprechen, an das man kaum zu glauben wagte, an das man sich aber klammern wollte.
Während der Fahrt schwiegen die Frau und der Welpe. Der Welpe atmete ruhig, dicht an sie gedrückt, und seine Begleiterin blickte aus dem Fenster, als würde sie sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit erlauben, sich vorzustellen, dass vor ihnen mehr liegen könnte als eine weitere Nacht in der Kälte. In der Klinik wurden sie ohne unnötige Fragen aufgenommen, und auch das fühlte sich fremd an, fast unwirklich, dieses Nicht-Beurteilt-Werden, dieses Bleiben-Dürfen.
— Schafft er es? — fragte die Frau und presste die Hände so fest zusammen, dass die Knöchel weiß wurden.
— Wir tun alles, was wir können, — lautete die Antwort, und sie war nicht leer.
Als man ihr sagte, dass der Welpe in Sicherheit sei, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Sie flossen frei, ohne Scham, spülten Müdigkeit, Angst und die Einsamkeit vieler Monate fort. Die junge Frau stand daneben, wusste nicht, was sie sagen sollte, und blieb einfach, weil das manchmal genügt.
Der Welpe bekam den Namen Wunder.
Nicht, weil er außergewöhnlich war, sondern weil allein sein Dasein daran erinnerte, dass selbst an den vergessensten Orten etwas geschehen kann, das alles verändert. Die Frau begann, sich gemeinsam mit ihm zu erholen, Schritt für Schritt, Tag für Tag, und lernte langsam wieder, einer Welt zu vertrauen, die eines Tages doch stehen geblieben war und sie angesehen hatte.
Oft saß sie bei dem Wunder und sprach leise mit ihm, wie früher, doch nun lag in ihrer Stimme etwas Neues, eine vorsichtige Gewissheit, als hätte die Hoffnung sich endlich erlaubt zu bleiben.
— Siehst du, — sagte sie, — manchmal reicht ein einziger Schritt, um nicht zu verschwinden.
Und die Stadt lebte weiter, laut und gleichgültig, doch irgendwo in ihr gab es nun eine Ecke, die nicht mehr leer war, weil eines Tages jemand stehen geblieben war und entschieden hatte, dass auch das Leben eines anderen zählt.







